{"id":111,"date":"2019-09-03T19:25:00","date_gmt":"2019-09-03T17:25:00","guid":{"rendered":"https:\/\/johannes-oswald.de\/?p=111"},"modified":"2025-01-20T19:27:09","modified_gmt":"2025-01-20T18:27:09","slug":"gedanken-zu-den-geschlechterrollen-quo-vadis-deutschland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/johannes-oswald.de\/?p=111","title":{"rendered":"Gedanken zu den Geschlechterrollen \u2013 Quo vadis Deutschland"},"content":{"rendered":"\n<p>Ich packe mein Fahrrad und trage es die Unterf\u00fchrung hinunter. Ein muslimisches Ehepaar kommt von unten entgegen. Sie, vielleicht 45, sieht mich und wechselt umhegend hinter ihren Mann auf die andere Treppenseite, und zwar so vorausschauend, dass sie bei der Begegnung oder besser der Nichtbegegnung mit mir immer hinter den breiten Schultern ihres Mannes in Deckung bleibt. Ihr Mann l\u00e4uft mir unbeirrt entgegen, er r\u00fcckt kein Jota zur Seite, doch nicht vor einem Fahrrad tragenden Unbekannten. Sein stolzer Blick, der mich links liegen l\u00e4sst, fordert wortlos Respekt und Gleichbehandlung gegen\u00fcber einem Mitb\u00fcrger mit Migrationshintergrund. Um ein Haar w\u00e4ren wir kollidiert, denn fahrradtragend erwarte ich selbstbewusst als ebenb\u00fcrtiger Verkehrsteilnehmer respektiert und geachtet zu werden und weiche ebenso wenig zu Seite. Ich stecke fest im Modus des Alltagsradlers, der jede Woche von r\u00fccksichtslosen Autofahrern geschnitten oder gef\u00e4hrdet wird, und best\u00e4ndig die W\u00fcrde aller Radfahrer vertritt. Ok, es war ein Fu\u00dfg\u00e4nger, der mir begegnete. Ich denke kurz nach f\u00fchle mich irgend wie verwandt mit meinem beinahe Kollisionspartner. Beide k\u00e4mpfen wir in unserer Verschiedenheit um die Anerkennung des Schw\u00e4cheren, einer Minderheit. Darum als gleich unter gleichen akzeptiert zu werden.<br>Doch da ist noch die Frau, die die sich geschickt versteckt hat, die im Schatten ihres Mannes bleibt weil sie muss oder will zumindest weil ihrer Tradition ihr das gebietet. Heute fr\u00fch war in der Zeitung zu lesen, dass VW in Gro\u00dfbritannien einen sexistischen Werbespot nicht mehr zeigen darf. Den habe ich gleich gegoogelt. Er zeigt in Abfolge drei M\u00e4nner in herausfordernden T\u00e4tigkeiten und zwei Frauen eine schlafend im Zelt mit ihrem Freund, eine andere auf einer Bank mit einem Kinderwagen vor sich. Richtig w\u00fcrde Alice Schwarzer sagen, die typischen Rollenschemen werden zementiert, dabei wollen wir doch Gleichberechtigung! Frauen sind genauso aktiv wie M\u00e4nner. Meine \u00e4ltere Tochter ist auf dem Weg zur Unternehmerin, zwar noch ganz am Anfang aber immerhin. Sie ist in der Lage unsere Firma zu f\u00fchren, hat gute Anlagen. Leider hat sie bis heute wenig mit Technik zu tun gehabt, vermutlich habe ich als Vater versagt, bin in alten Rollenschemen verhaftete geblieben, ich h\u00e4tte ihr Interesse locken, sie f\u00fcr Technik begeistern m\u00fcssen. Also ja, einverstanden: bitte keine abgedroschen Frauenbilder transportieren. Und die M\u00e4nner? Richtig, sie sollten auch die Kinderw\u00e4gen schieben und im Haushalt mitarbeiten, tun sie inzwischen auch.<br>Doch gleichzeitig leben wir hier in Mitteleuropa in Parallelwelten, deren Spannungsfeld oft zum Zerrei\u00dfen gespannt ist. Hunderttausende Fl\u00fcchtlinge bringen ein ganz anderes M\u00e4nner- und Frauenbild immer neu mit zu uns. Frauen geben Fremden keine Hand, verstecken oder verh\u00fcllen sich. Vor allem die emanzipierten Frauen in meinem Umfeld betonen: \u201ediese Frauen wollen das so und das ist ihre pers\u00f6nliche Freiheit\u201c. &#8211; Wie bitte? h\u00f6re ich mich sagen, \u00e4h und was ist mit der Emanzipation? Und die Frage an unsere Gesellschaft lautet: mehr Freiheit oder mehr Gleichberechtigung? und was sollte der Staat dazu regeln?<br>Wir haben uns daran gew\u00f6hnt, wir leben gleichzeitig in mehreren Parallelwelten in einem Land und wir ordnen die Menschen entsprechend ihrer Herkunft ein: Muslime brauchen keine Gleichberechtigung, wir Deutschen ohne Migrationshintergrund, wenn ich das so sagend darf, brauchen sie jedoch umso, mehr bis hin zur Gendergerechtigkeit.<br>Also das mit dem Migrationshintergrund ist so eine Sache: haben wir nicht alle Migrationshintergrund? Ja und nein, \u201aout of Afrika\u2018 ja, das sind wir alle, in der Nazizeit war es f\u00fcr jeden wichtig dem eigenen Migrationshintergrund nachzugehen, manche treiben auch heute aus freien St\u00fccken Ahnenforschung, ist ja auch spannend! Da f\u00e4llt mir meine Gro\u00dfmutter m\u00fctterlicherseits ein. Mit ihrem Mann kam sie aus Berlin zun\u00e4chst in das unbedeutende Schweinfurt und dann in das noch unbedeutendere Miltenberg. Wenn sie geahnt h\u00e4tte, dass einer ihrer Vorfahren aus dem Eutergrund, einem sprichw\u00f6rtlichen Kuhkaff um die Ecke kamen, h\u00e4tte es sie gesch\u00fcttelt, die Vorzeigeberlinerin. Gott hab\u2018 sie selig, sie hatte kein leichtes Leben und ich hab ihr meines und das meiner Kinder zu verdanken.<br>Doch nochmal zur\u00fcck mit der Frage: gibt es einen erlaubten Begriff, um die Menschen unseres Landes zu unterscheiden? Mit und ohne Migrationshintergrund scheint nicht weiter zu helfen. Unterscheidung nach Herkunftsland, Religion oder Hautfarbe? &#8211; geht gar nicht. Also vielleicht<br>unterscheiden wir sie in die, mit konservativem Rollenverst\u00e4ndnis und die, die jedes Rollenverst\u00e4ndnis ablehnen? Nein, das geht auch nicht, dann w\u00e4re ich mit meinem Rollenverst\u00e4ndnis vielleicht n\u00e4her an den Afghanen als an dem der Frauenrechtlerinnen?<br>Pers\u00f6nlich wurde ich von meinen Eltern, vor allem Mutter sehr modern erzogen, helfen im Haushalt, war Standard und Chancengleichheit, Schule, Studium, Berufswahl, Partnerwahl, nein da hat sie nicht unterschieden ob M\u00e4del oder Junge. Und doch gibt es, wenn ich in die Abgr\u00fcnde meiner Seele blicke, einen Wunschbild von Frau, ein Idealbild einer Partnerin und Sexualpartnerin: Eine Frau ist etwas kleiner, schlank, liebevoll, anschmiegsam, selbst\u00e4ndig, eine wahre Sch\u00f6nheit, zur\u00fcckhaltend und doch klug, strahlend und gleichzeitig treu, jugendlich und doch weise, eine tiefgr\u00fcndige Gespr\u00e4chspartnerin, eine unbeschwerte und unverdorbene erotische Gespielin und nat\u00fcrlich eine hervorragende Mutter, die mir wunderbare Kinder schenkt und gemeinsam mit mir erzieht \u2026 und, und, und. Ich gebe unumwunden zu, so einfach war und ist es nicht meinen Vorstellungen zu entsprechen. Und ja, zugegebenerma\u00dfen, so ganz modern ist mein Frauenbild nicht, doch was hei\u00dft schon modern! Ich will eine Frau und keinen Mann als Gegen\u00fcber? Da stellt sich die Frage, was unterscheidet uns als Mann und Frau? Au\u00dfer der K\u00f6rperlichkeit, die ich f\u00fcr durchaus wesentlich halte, m\u00f6chte ich zun\u00e4chst bei den inneren Werten bleiben. Sind die klassischen Bilder von Mann und Frau \u00fcberholt? Der Mann stark, muskul\u00f6s, mutig, J\u00e4ger, Besch\u00fctzer und Anf\u00fchrer mit Weitblick, oder auch aggressiv, wenn sein muss, gnadenlos mit den B\u00f6sen, so wie uns die Klischees in jedem amerikanischen Spielfilm begegnen? Die Frau liebevoll, sch\u00f6n, \u00e4u\u00dferlich weich und innerlich stark, gemeinschaftsf\u00f6rdernd, vorausschauend, etc..<br>Ich merke schon, alleine bei der Suche nach geeigneten Begriffen komme ich pers\u00f6nlich ins Schleuder, denn einen eindeutige Zuordnung gibt es nicht. M\u00e4nner haben auch weibliche und Frauen auch m\u00e4nnliche Eigenschaften. Seit einigen Jahren bekennen ich \u00f6ffentlich eine Vielzahl weiblicher Eigenschaften zu besitzen, auf die ich durchaus stolz bin: Ich bin ein Gemeinschaftsmensch, kann zuh\u00f6ren, Probleme erfassen, auch mal sanft L\u00f6sungen anbieten, ich versuche auf meine innere Stimme zu h\u00f6ren und die Gef\u00fchle anderer wahrzunehmen.<br>Wir auch immer, bislang hat unsere Gesellschaft Eigenschaften, Gem\u00fctsregungen und Gef\u00fchlslagen unsers menschlichen Daseins gerne in \u201aweiblich\u2018 und \u201am\u00e4nnlich\u2018 eingeteilt \u2013 vielleicht sollte man heute besser sagen: klassisch weiblich und m\u00e4nnlich, mit offener Zukunft?<br>Wenn der Wunsch nach Gleichberechtigung dazu f\u00fchrt, dass M\u00e4nner und Frauen beliebige Eig<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich packe mein Fahrrad und trage es die Unterf\u00fchrung hinunter. Ein muslimisches Ehepaar kommt von unten entgegen. 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