{"id":58,"date":"2023-07-24T13:03:00","date_gmt":"2023-07-24T11:03:00","guid":{"rendered":"https:\/\/johannes-oswald.de\/?p=58"},"modified":"2025-11-11T16:25:37","modified_gmt":"2025-11-11T15:25:37","slug":"brief-zum-eu-weiten-lieferkettengesetz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/johannes-oswald.de\/?p=58","title":{"rendered":"Brief zum EU &#8211; weiten Lieferkettengesetz"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>\u2026 vorweg: ich bekenne mich schuldig, im Sinne der Anklage \u2026<\/strong><br><\/p>\n\n\n\n<p>Sehr geehrter Professor Dr. Truger,<br><br>In einem Beitrag des bayerischen Rundfunks vom 01.06.2023, 12:11 Uhr konnte ich Sie Herr Prof. Dr. Truger h\u00f6ren. Sie f\u00fchrten zum kommenden EU weiten Lieferkettengesetz folgendes aus:<br><em>&#8222;Zudem sei es n\u00f6tig, auch kleinere Unternehmen (also KMUs wie meines) einzubeziehen. Sie h\u00e4tten im Normalfall weniger Zulieferer und Gesch\u00e4ftspartner als Gro\u00dfunternehmen und k\u00f6nnte deshalb intensivere sowie nachhaltige Gesch\u00e4ftsbeziehungen aufbauen. Diese seien n\u00f6tig, um Menschenrechte und Umweltschutz zu f\u00f6rdern. &#8222;Deutsche Mittelst\u00e4ndler sind heute bereits in der Lage, ihre Zulieferketten sehr gut zu organisieren. Sonst w\u00e4ren sie nicht so erfolgreich. Und wer eine hervorragende Qualit\u00e4t seiner Produkte in technischer Hinsicht garantiert, wird auch dazu in der Lage sein, wenn es um L\u00f6hne, Arbeitszeiten und Brandschutz bei den wesentlichen Zulieferern geht&#8220;.<\/em><br>Wir sind uns einig, lieber Herr Truger, es ist emp\u00f6rend, wenn Menschen ausgebeutet werden und die Umwelt auf unverantwortliche Weise gesch\u00e4digt wird. Die Verantwortlichen m\u00fcssen am besten sofort und weltweit zur Rechenschaft gezogen werden. Uneinig sind wir dar\u00fcber, wen wir verantwortlich machen sollten. Ich lade sie ein, mit mir anhand von zwei Beispielen \u00fcber Sinn und Unsinn des geplanten Lieferkettengesetzes f\u00fcr KMUs nachzudenken.<br>Mit 200 Mitarbeitern bauen wir modernste Direktantriebe f\u00fcr Industrie, Mobilit\u00e4t und Energie in Miltenberg am Main. 2017 haben wir f\u00fcr die Energieeinsparungen durch unsere Produkte den deutschen Umweltpreis erhalten. Herr Prof. Truger, sie glauben, dass ich in der Lage sein sollte, die Regeln des Lieferkettengesetztes bei meinen wesentlichen Zulieferanten einzuhalten?! Das sind, wie bei den meisten KMUs des Elektro- und Maschinenbaus, die Lieferanten von Stahl und Kupfer. Die von uns verwendeten Materialien kommen zu 40-50 % aus Recyclingprozessen und 50-60 % aus dem Erzabbau, d.h. aus s\u00fcdamerikanischen und afrikanischen Mienen.<br><br><strong>2 Beispiele Kupfer und Stahl<\/strong><br><strong>Kupfer:<\/strong> Der bedeutendste Kupferproduzent der Welt ist Chile, mit gro\u00dfem Abstand folgen Peru und die USA. wie viele andere Firmen auch, kaufen wir Kupfer an der B\u00f6rse (nicht zur Spekulation, sondern zur Verarbeitung). Wir kaufen etwa 100t pro Jahr. Dieses virtuelle Kupfer \u00fcbergeben wir unserem Lieferanten. Dieser hat sich darauf spezialisiert Firmen zu beliefern, die f\u00fcr ihn und letztlich f\u00fcr uns, Kupferdr\u00e4hte herstellen. D.h. f\u00fcr ihn arbeitet eine ganze Reihe von Drahtziehern auf der ganzen Welt. Diese erhalten irgendwann Material von meinem Kontingent und konfektionieren es. Mein Lieferant liefert uns nun so lange Kupferdraht, bis die virtuell gekaufte Menge verbraucht ist. Dann kaufen wir erneut und \u201ahinterlegen&#8216; das Kupfer bei ihm. Unser Lieferant verkauft im Jahr 125 000 Tonnen Kupfer (45% Recyclinganteil). Wir kaufen 0,08% seines Jahresumsatzes. Auf meine Nachfrage hin wurde ich dar\u00fcber informiert, dass \u201aunser&#8216; Kupfer aus europ\u00e4ischen Mienen, Recycling Prozessen aber auch aus chilenischen Mienen kommt.<br>Ich konnte den noch gr\u00f6\u00dfere Vorlieferant meines Lieferanten, der in Chile kauft, ausfindig machen und ihn mit dem Lieferkettengesetz konfrontieren. Ich habe ihn 2023 aufgefordert, mir mitzuteilen, aus welcher Miene er sein Material stammt. Seine Antwort war: Um ein f\u00fcr die Elektroindustrie geeignetes Kupfer zu erzeugen, ben\u00f6tige er die Mischung aus dem Material von etwa 100 verschiedenen Mienen, vermischt mit etwa 30 % Recyclingmaterial. Die Mienen, von denen er Material bezieht, kann er mir nicht nennen, das w\u00e4re sein Firmengeheimnis. (daf\u00fcr habe ich Verst\u00e4ndnis, denn auch von mir erf\u00e4hrt kein Kunde die inneren Details unserer Motoren. Das ist unver\u00e4u\u00dferliches Firmen Knowhow.) Dieser Vor-, Vor-, Vorlieferant behauptet, dass bei seinen Lieferanten die Bestimmungen des Lieferkettengesetzes eingehalten werden. Er berichtet weiter, dass bei ihm Journalisten mit Vorverurteilungen aufschlagen. Sie h\u00e4tten kein Interesse an Tatsachen, sie wollten ausschlie\u00dflich \u00fcber Skandale berichten. Dieser Mensch hat auf mich pers\u00f6nlich einen offenen und ehrlichen Eindruck gemacht. Darf ich ihm und seinen Zertifikaten glauben? Die Initiative Lieferkettengesetz fordert: <em>\u201eZertifizierungen oder Branchenstandards sind keine validen Instrumente, um den Verschuldensma\u00dfstab f\u00fcr Unternehmen bei der zivilrechtlichen Haftung herabzusenken\u201c<\/em>. Wie k\u00f6nnte ich also vorgehen, um sicherzustellen, dass die Menschen beim Abbau des Kupfers menschliche Arbeitsbedingungen haben, gen\u00fcgend Geld zum Leben verdienen, dass Frauen in der Miene die gleiche Chance und Bezahlung erhalten, wie ihre m\u00e4nnlichen Kollegen, dass niemand unter 18 Jahren in den Mienen arbeitet? Mit welcher Antwort meines Vor-, Vor- Vorlieferanten darf ich mich zufriedengeben?<br><br><strong>Stahl:<\/strong> Das Dynamoblech, der wichtigste Bestandteil unserer Motoren, kaufen wir bei einem \u00f6sterreichischen Stahlkonzern. Dieser ist ein weltweit agierender Technologie- und Industriekonzern. Sein Umsatz liegt in zweistelliger Milliardenh\u00f6he. Wir kaufen bei ihm viellecht 0,03% seiner Stahlproduktion. Bitte machen Sie mir einen Vorschlag, wie ich an Informationen kommen, oder Einfluss aus\u00fcben kann, so dass ich meiner Sorgfaltspflicht nachkommen k\u00f6nnte. Der Konzernansprechpartner erkl\u00e4rte mir, dass sie den Vorgaben das Lieferkettengesetzes entsprechen. Welche und wie viele Aktivit\u00e4ten dieses Konzerns sollte ich untersuchen, um meiner Sorgfaltspflicht zu gen\u00fcgen? &#8211; Sicher, ich h\u00e4tte Einkaufsalternativen: Die gr\u00f6\u00dften Stahlkocher der Welt in Millionen Tonnen Rohstahl sind: China (808,4), Japan (104,8), Indien (95,6), die Vereinigten Staaten (78,5) und Russland (70,8). Sollte ich den Lieferant wechseln? Nach welchen Kriterien sollte ich mir einen neuen Lieferanten suchen, welche Zeit soll ich daf\u00fcr verwenden?<br>Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit werden auch beim Abbau der Materialien Menschenrechte und auch Umweltbedingungen, wie wir sie in Europa f\u00fcr richtig halten, nicht eingehalten.- Ja, die Verantwortlichen m\u00fcssen gezwungen werden ihre Sorgfaltspflicht zu entsprechen. &#8211; Ich bin jedoch nicht im Stande das zu ver\u00e4ndern und bekenne mich deshalb schon jetzt schuldig, im Sinne der Anklage des zu erwartenden Lieferkettengesetzes.<br><br><strong>Fazit:<\/strong><br>Sehr geehrte Damen und Herren, die sie ein hartes Lieferkettengesetz in Europa durchsetzen wollen. Sie drohen mir mit einer Strafe von bis zu 2% meines Umsatzes. Dar\u00fcber hinaus wird in Br\u00fcssel verhandelt, ob eine Beweislastumkehr erforderlich wird. D.h. ich m\u00fcsste, dann f\u00fcr etwa 1000 Lieferanten und etwa  10 000 Vorlieferanten nachweisen, dass diese auf dieser Welt alle Regeln der EU einhalten?! Sorry da fehlt ja noch die 3.,4.,5.,6., Lieferkette usw. Die Initiative-Lieferkettengesetz fordert: <em>\u201eKeine Begrenzung der Sorgfaltspflicht auf direkte Gesch\u00e4ftspartner! Das EU-Lieferkettengesetz muss die gesamte Wertsch\u00f6pfungskette abdecken, von der Gewinnung von Rohstoffen bis hin zur Nutzung und Entsorgung von Produkten\u201c.<\/em> Mit den KMUs und den mittelst\u00e4ndischen Firmen haben sie jedoch die Falschen im Visier!<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Die Verantwortung f\u00fcr 100- und 1000-mal gr\u00f6\u00dfere Lieferanten kann kein KMU ernsthaft \u00fcbernehmen.<\/li>\n\n\n\n<li>Die Verantwortung f\u00fcr direkte, \u00e4hnlich gro\u00dfe und kleinere Lieferanten, k\u00f6nnen wir \u00fcbernehmen. Die f\u00fcr die gesamte Lieferkette &#8211; das ist unm\u00f6glich!<\/li>\n\n\n\n<li>Die geforderte Beweislastumkehr f\u00fcr eine mehrgliedrige Lieferkette, wie angedacht, bedeutet f\u00fcr KMUs, dass sie jeden Prozess verlieren werden. Das betrifft alleine in Deutschland etwa 6500 Unternehmen aus dem deutschen Maschinenbau. Final bedeuten ihre Forderungen das Ende des deutschen mittelst\u00e4ndischen Maschinenbaus, den Verlust von Wohlstand, Ausbildungspl\u00e4tzen und der Arbeitsgrundlage tausender von Dienstleistern.<\/li>\n\n\n\n<li>Unsere Mitbewerber aus China freuen sich jetzt schon auf die neue EU -Gesetzgebung, denn sie werden ihre st\u00f6renden Mitbewerber aus Europa los. Ob die Produkte, die wir dann verwenden, g\u00fcnstigere Bedingungen f\u00fcr Menschen und Umwelt in den Rohstoffl\u00e4ndern bewirken, wage ich ernsthaft zu bezweifeln.<br><br>Mit freundlichen Gr\u00fc\u00dfen,<br>direkt von der Anklagebank<br><\/li>\n\n\n\n<li>Johannes Oswald<br>Unternehmer aus Miltenberg<br>Oswald Elektromotoren GmbH<\/li>\n\n\n\n<li><br>PS: Vieles von dem, was der deutsche mittelst\u00e4ndische Maschinenbau aus Stahl und Kupfer fertigt, wird dringend f\u00fcr die Energiewende und zur Erreichung unserer Klimaziele ben\u00f6tigt. Anderes dient der grundlegenden Wohlfahrt unserer Gesellschaften: Stahl f\u00fcr Br\u00fcckenbau, Bahnen, Bauwerke, Antriebe, Schiffe, Generatoren, Windkraftwerke usw.. Obwohl Stahl und Kupfer weltweit recycelt werden, werden wir Menschen weiterhin Erze abbauen. Aktuell betr\u00e4gt der Recyclinganteil der EU bei Stahl bei etwa 56%, weltweit etwa 40%. Bei Kupfer liegen die Werte \u00e4hnlich. Der Erzabbau ohne negative Eingriffe in die Natur ist nicht m\u00f6glich.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u2026 vorweg: ich bekenne mich schuldig, im Sinne der Anklage \u2026 Sehr geehrter Professor Dr. Truger, In einem Beitrag des bayerischen Rundfunks vom 01.06.2023, 12:11 Uhr konnte ich Sie Herr Prof. Dr. Truger h\u00f6ren. Sie f\u00fchrten zum kommenden EU weiten Lieferkettengesetz folgendes aus:&#8222;Zudem sei es n\u00f6tig, auch kleinere Unternehmen (also KMUs wie meines) einzubeziehen. 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