{"id":91,"date":"2011-07-09T18:12:00","date_gmt":"2011-07-09T16:12:00","guid":{"rendered":"https:\/\/johannes-oswald.de\/?p=91"},"modified":"2025-01-20T18:13:56","modified_gmt":"2025-01-20T17:13:56","slug":"leserbrief-zum-artikel-pazifisten-suchen-den-frieden-mit-sich-selbst","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/johannes-oswald.de\/?p=91","title":{"rendered":"Leserbrief zum Artikel: \u201ePazifisten suchen den Frieden mit sich selbst\u201c"},"content":{"rendered":"\n<p>aus der Freitagsausgabe des Boten vom Untermain, 08.07.11, Politisches Feuilleton<\/p>\n\n\n\n<p>Sehr geehrter Herr Mohr, ich bin 50 Jahre alt Ingenieur und Unternehmer und z\u00e4hle zu den Pazifisten, die aus Ihrer Sicht: \u201evor allem den Frieden mit sich selbst suchen\u201c und die Sie, um Ihre Unglaubw\u00fcrdigkeit zu belegen mit ehemaligen SED Protagonisten in einen Topf werfen. Auf den ersten Blick mag es so aussehen, als ob Pazifisten einen unrealistischen Kuschelkurs fahren; dass sie letztendlich die gr\u00f6\u00dferen Realisten sind, m\u00f6chte ich Ihnen gerne erkl\u00e4ren.<\/p>\n\n\n\n<p>Der nicht unbedingt klarere, jedoch immer plastischere Blick auf die oft schrecklichen Ereignisse dieser Welt l\u00e4sst den Revolver am G\u00fcrtel eines jeden echten Cowboys zucken. Wie gerne w\u00fcrden wir quasi in einer Mischung aus Terminator, Gentlemen und Ersthelfer auf der Seite der Guten eingreifen und helfen, v\u00f6llig ohne Eigeninteresse versteht sich. \u2013 Doch bevor wir die Uranpatronen in den G\u00fcrtel schieben und die Sprengminen ans Halfter h\u00e4ngen, lassen Sie uns, als gebildeten Westeurop\u00e4er, noch kurz und vor allem ergebnisorientiert auf zur\u00fcckliegende, kriegerische Auseinandersetzungen blicken.<\/p>\n\n\n\n<p>Unsere letzten Kriege waren 1870\/71, 1914\/18 und 1939\/45. 1870\/71 erk\u00e4mpften sich die Deutschen einen \u201aglorreicher Sieg\u2018 gegen die Franzosen. Der deutsche Nationalstolz jubelte, der franz\u00f6sische lag am Boden. Diese Dem\u00fctigung Frankreichs kam uns sp\u00e4ter teuer zu stehen. 1914\/18 in der ersten gro\u00dfen Materialschlacht der Geschichte starben 17 Mio. Menschen. Die Kapitulationsbedingungen des Versailler Vertrags bereiteten dem Nationalsozialisten den Boden und sind indirekt Ursache f\u00fcr den noch katastrophaleren Zweiten Weltkrieg mit 50 &#8211; 60 Mio. Toten, die Zerst\u00f6rung vieler Kulturg\u00fcter, aller gro\u00dfen deutschen St\u00e4dte und Ursache f\u00fcr unendliches Leid von zig Millionen Menschen dieser Welt. War einer dieser Kriege sinnvoll oder aus heutiger Sicht durch irgendetwas zu rechtfertigen?<\/p>\n\n\n\n<p>Ach so, diese Kriege haben Sie nicht gemeint? O.k., wir sind uns also einig, dass war nicht wirklich gut! Doch zumindest 70\/71 und 14\/18 sind unsere Soldaten durchaus euphorisch in den Krieg gezogen. 39\/45 war das schon anders, aber auch hier kennen wir alle die Filmaufzeichnung in der Zehntausende Hitler die Antwort auf die Frage: \u201eWollt ihr den totalen Krieg\u201c geben.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch schauen wir mal auf die j\u00fcngeren Kriege, in denen meist die USA \u201aVerantwortung f\u00fcr die Welt\u2018 \u00fcbernommen hat. Die grundlegende Idee war und ist dabei: Der eigene \u201eway of life\u201c m\u00fcsse selbstverst\u00e4ndlich der Wunsch aller Menschen dieser Welt sein, wann und wo auch immer. Welche furchtbaren menschlichen und politischen Katastrohen hat diese naive und gut gemeinte Vision in Vietnam, Kambodscha, Korea, Irak oder Afghanistan angerichtet. Oder meinen Sie den glorreichen Krieg von Margret Thatcher um die Falklandinseln? Die Kriege der UDSSR will ich gar nicht nennen, denn, dass die \u201aB\u00f6sen\u2018 b\u00f6se Kriege f\u00fchren, war uns ja ohnehin klar. \u00dcber die Kriege in Schwarzafrika brauchen wir auch nicht reden, denn dar\u00fcber reden wir sowieso nicht gerne. Doch Ihnen, Herr Mohr, geht es ja um uns, um die guten Realisten, die objektiv einsch\u00e4tzen k\u00f6nnen, wann ein Krieg f\u00fcr die Menschen vor Ort sinnvoll ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Also blicken wir in die j\u00fcngste Geschichte. Wieder Irak, nochmal Afghanistan, da waren und sind wir ja endlich auch mal wieder dabei. Verw\u00fcstete Landstriche, B\u00fcrgerkriege, Brutst\u00e4tten des Terrorismus \u2026 Nein, das haben Sie auch nicht gemeint?<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt bleibt aber nicht mehr viel \u00fcbrig, was gut ausgehen k\u00f6nnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Sehr geehrter Herr Mohr, ich vermute auch Sie unterliegen der g\u00e4ngigen Illusion, dass sich heute mit einem gezielten Einsatz unter Schonung der Zivilbev\u00f6lkerungen ein chirurgischer Schlag gegen korrupte Systeme ausf\u00fchren l\u00e4sst? Ist es das, was Sie meinen? Diese Illusion teilen Sie zumindest mit einigen M\u00e4chtigen dieser Welt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Berichte aus Libyen und die Ignoranz der Machthaber haben auch mich ins Wanken gebracht, aber wissen Sie wie viele Wochen und Monate dieser chirurgische Eingriff nun schon dauert? Hatten wir nicht alle erwartet, dass die Guten und Unterdr\u00fcckten umgehend die Seite wechseln und der Rest wie ein Kartenhaus zusammenfallen w\u00fcrde? Realistischer Weise m\u00fcssen wir konstatieren: es gibt ihn nicht diesen schonenden Eingriff oder sauberen Krieg. Und es gibt auch keine Guten und B\u00f6sen in dieser Welt. Es w\u00e4re so sch\u00f6n gewesen, oder? Kommen Sie zur\u00fcck auf den Boden der Tatsachen. Auch die j\u00fcngsten Kriege haben den Menschen keine Vorteile gebracht, sondern im Gegenteil: immer wieder Tod und Leid. Weite Landstriche sind heute, lange nach Ende der jeweiligen kriegerischen Handlungen, vermint und sie fordern j\u00e4hrliche ihre Opfer. Wir sollten endlich eingestehen: die Fragen und Probleme der V\u00f6lker waren und sind mit Kriegen nicht zu l\u00f6sen! Auch die noch so gut gemeinten Eins\u00e4tze, wie z.B. die der Bundeswehr in Afghanistan, erweisen sich letztendlich als kontraproduktiv.<\/p>\n\n\n\n<p>Sehr geehrter Herr Mohr, beim bestens Willen kann ich keine kriegerische Auseinandersetzung erkennen, die im Nachhinein betrachtet im Sinne der Menschen als erfolgreich und richtig eingesch\u00e4tzt werden k\u00f6nnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir gut ges\u00e4ttigten, individualisierten Westler, ausgestattet mit allen Freiheiten, die unsere Vorfahren vom Bauernkrieg bis heute blutig erstritten haben, glauben zu wissen, wohin der Weg anderer f\u00fchren sollte und m\u00fcsste. Dazu ignorieren wir Traditionen, Denkmustern, Gemeinsinn oder Informationsstand der andere und spielen leichtfertig mit dem Gedanken, unsere \u00dcberzeugung mit \u00fcberlegener Waffengewalt durchsetzen zu d\u00fcrfen. 66 Jahre Frieden in Deutschland birgt die gro\u00dfe Gefahr, dass die Schrecken des Krieges verniedlicht werden. Inzwischen reden wir von Verantwortung f\u00fcr die Welt und gehen immer mehr davon aus, dass Krieg f\u00fcr eine gute Sache \u2013 nat\u00fcrlich, solange er nicht im eigenen Land stattfindet &#8211; kalkulierbar, ja machbar ist. Das ist ein katastrophaler Irrtum, der uns leichtfertig Kopf und Kragen anderer riskieren l\u00e4sst.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Naivit\u00e4t liegt nicht auf Seiten der Pazifisten, sondern auf Seiten derer, die Krieg f\u00fcr ein Mittel der Wahl halten. Die glauben mit unmenschlicher Gewalt Menschlichkeit oder Gerechtigkeit erzeugen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcbrigens, wir haben ganz andere Ereignisse, die wir exportieren und mit denen wir die Welt ver\u00e4ndern k\u00f6nnen: Aus einer Jahrhunderte alten Feindschaft mit Frankreich wurde in den letzten Jahrzehnten eine echte und ehrliche Freundschaft. Erzfeinde, die sich ausges\u00f6hnt haben, das ist eine \u00fcberw\u00e4ltigende Botschaft!<\/p>\n\n\n\n<p>Wir, vor allem aber die Deutschen mit DDR Vergangenheit, haben eine friedliche Wiedervereinigung erreicht, ohne einen einzigen Schuss, darauf k\u00f6nnen wir enorm stolz sein. Und glauben Sie mir, darauf schaut die Welt und spricht davon.<\/p>\n\n\n\n<p>Oder unser Wirtschaftswunder, das unsere Eltern und Gro\u00dfeltern auf den Tr\u00fcmmern der Vergangenheit gebaut haben, oder letztendlich 66 Jahren Frieden mit allen Nachbarn. Das sind Exportschlager, gegen die alle Leopards, U-Boote und Minen, die wir exportieren, mickrig und blass aussehen.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>aus der Freitagsausgabe des Boten vom Untermain, 08.07.11, Politisches Feuilleton Sehr geehrter Herr Mohr, ich bin 50 Jahre alt Ingenieur und Unternehmer und z\u00e4hle zu den Pazifisten, die aus Ihrer Sicht: \u201evor allem den Frieden mit sich selbst suchen\u201c und die Sie, um Ihre Unglaubw\u00fcrdigkeit zu belegen mit ehemaligen SED Protagonisten in einen Topf werfen. 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