Mit der Auflösung der Sowjetunion hat der Westen die Überlegenheit der freiheitlich rechtlichen Demokratie frenetisch gefeiert. Ein offensichtlicher Sieg der Marktwirtschaft über die kommunistische Planwirtschaft. Nun musste der Kapitalismus nur noch zunächst sozial und später auch ökologisch gezähmt werden. Die deutsche Demokratie wurde Blaupause für eine friedliche, gerechte und ökologische Welt! Die wirtschaftlich, moralische Überlegenheit unserer westlichen Gesellschafts- und Regierungsform war evident. Allein die US amerikanische, imperialistisch geprägte, Hegemonie war mit ihren Eingriffen in die Welt ein Schönheitsfehler im Bild der neuen heilen Welt. Wir waren hilflos, aber zumindest konnten wir uns regelmäßig und ungestraft darüber empören. Unscharf betrachtet war der große Bruder im Westen mit uns auf dem richtigen Weg. Unser menschenverachtendes Erbe aus dem dritten Reich und die Prügel, die wir seither dafür einstecken, hielten uns davon ab unsere wirtschaftliche Überlegenheit militärisch und machtpolitisch auszubauen. Andererseits war und ist dieses Erbe Ansporn für uns fair, gerecht und vorbildlich in dieser Welt zu handeln. Deutschland, ein Musterknabe! Unser wirtschaftlich technisch Überlegenheit gegenüber vielen anderen Ländern bildete die, sich selbst bestätigen Grundlage, das die Globalisierung der sozialen Marktwirtschaft in Frieden und Gerechtigkeit für die ganze Welt führt: Wandel durch Handel und nach außen fast immer vorbildlich! Parallel entwickelte sich eine weitere große Aufgabe, Vorreiter für das Gute in der Welt zu sein: die drohende ökologische Katastrophe. Antiatomkraft, erneuerbare Energien, Nachhaltigkeit, CO2, Klimawandel, Artenschwund  sind die Stichworte für die anstehende Mammutaufgabe für eine bessere Umwelt. –

Energie: Endgültig überzeugt durch Fukushima, haben wir Deutschen der Welt gezeigt, dass Energieautarkie auch ohne Atomenergie geht. – Gegen besseres Wissen und ohne äußeren Druck haben wir unsere CO2 neutralen, abgeschriebenen Kraftwerke fahrlässig abgerissen. Wer, wenn nicht wir, könnten diese grandiose Aufgabe stemmen?
Dass billige Energie die Grundlage einer funktionierenden Marktwirtschaft ist, haben wir genauso ausgeblendet, wie die Tatsache, dass die Volatilität der schönen Erneuerbaren einen viele hunderte Milliarden schweren Netzausbau erfordern und hehre CO2 Ziele gleichzeitig in weite Ferne rücken. Im Ergebnis sind deutsche Energiekosten heute 2 – 2,5 mal so hoch wie in China und den USA unserer direkten wirtschaftlichen Konkurrenz.

Rohstoffe: Einerseits ist Deutschland tatsächlich ein rohstoffarmes Land, andererseits binden wir uns selbst die Hände, sollten wir auf etwas Wertvolles im Boden stoßen. Allein der Gedanke, in Deutschland irgendwo Bodenschätze aus der Erde zu holen, ist schon ein Frefel. – So müssen wir es eben anderen überlassen, die weniger genau hinsehen oder einfach viel mehr Land haben als wir. Folgerichtig kaufen wir  ein, im Austausch mit Autos, Technik-, Chemie- und Medizinprodukten, zumindest bis heute.

Knowhow: Bei der Weitergabe von Knowhow sind wir Deutschen ebenfalls äußerst effektiv. Seit Jahrzehnten verkaufen wir ein Hightechunternehmen nach dem anderen nach China, wie wenn es kein morgen gäbe. Besonders gerne betreibt die Großindustrie Joint Ventures im Reich der Mitte, im vollen Bewusstsein, dass jeder Knowhow- Vorsprung dabei flöten geht. Deutsche Forschungseinrichtungen bilden die Speerspitze des Wissenstransfers und kooperieren mit großer Vorliebe mit China! Wenn ich mich dunkel erinnre, ist uns seit Jahrzehnten bekannt, dass ein Land , das kaum Rohstoffe und wenig Energie hat wirtschaftlich nur mit Knowhow -Vorsprung überleben kann? Das blenden wir einfach aus.

Löhne: Ja, wir haben sehr kluge Köpfe bei uns und ein hervorragendes Bildungssystem, auch wen wir es selbst gerne schlecht reden. Das Land der Denker, Dichter und vor allem der Ingenieure. – Über die Jahre haben wir, und das ist erst mal gut so, Gehälter und Sozialleistungen nach oben getrieben, die Ungerechtigkeit für die Schwächeren ausgeglichen und diese mit der Anhebung ihrer Saläre salonfähig gemacht. Soziale Marktwirtschaft eben, keine Raubtierkapitalismus! – Wollen wir jedoch Produktion im Land halten und Produkte exportieren, so dürfen wir den Vergleich mit anderer Länder nicht scheuen. – Und es fällt auf, dass unsere Lohnkosten, Steuern, Sozialabgaben und sonstiger staatlicher Annehmlichkeiten weit über denen vieler anderer Länder liegen. Darüber hinaus arbeiten wir vergleichsweise wenig Wochenstunden, sind häufig krank und genießen eine Menge Urlaubstage.

Fazit: Bis vor kurzem ist die Wirtschaft dennoch recht rund gelaufen. Vor allem der enorme chinesische Bedarf hat unsere westlichen Auftragsbücher gefüllt. Nun jedoch stehen wir vor einer anderen, neuen Welt und reiben uns verstört die Augen.
In kürzester Zeit bricht vieles, was bisher gestimmt hat, in sich zusammen. In der sozialideologisch unterfütterten Überzeugung zu wissen, wie die Welt am besten funktioniert, haben wir alle Vorzeichen für einen grundlegenden Wandel in der Wind geschlagen. Nun stehen wir vor einem wirtschaftlich, ideologischen Scherbenhaufen, bei dem nichts mehr zusammenpasst. – Doch das Verrückteste ist, wir merken es nicht einmal! – Wir befassten uns weiterhin mit sozialen und ökologischen Fragen und merken nicht, dass uns gerade das Fundament staatlicher Finanzierung, die eigene Wirtschaft entgleitet. – Na ja, mit Reichen- und Erbschaftssteuer lassen sich die ausufernden Staatsausgaben sicher noch ein paar Jahre finanzieren, bevor der industrielle Katzenjammer an die Ohren von Politikern und Bürgern dringt. Heute ist wichtig, ob vegane Wurst, Wurst heißen darf oder dass echte Wurst unmöglich 10 m vom Lagerraum zur Verkaufstheke durchs Freie getragen werden darf. Die Deutsche Bürokratie, auf die ich heute nicht näher eingehe, ist schier grenzenlos. Mit einem systematisch unterbewertetem Yuan, viel Fleiß, niedrigen Lohn- und Materialkosten und einer aggressiver Industriepolitik ist China auf der Überholspur und betrachtet uns nicht nur in Sachen Exporte längst im Rückspiegel, während die deutsche Industrie auf der Stelle tritt. Autoindustrie und Maschinenbau, zwei ehemalige Vorzeigebranchen sind angezählt. Mit dem verzweifelte Versuch die Stahlindustrie zu retten, versetzte die Regierung beiden Branchen jüngst eine zusätzlichen Tritt ins Kreuz. Währenddessen schwingt sich China geschickt zur Weltherrschaft auf, unterstützt durch deutsche Forschungsinstitute und Joint Ventures, mit denen wir gerade unser letztes Know-how zu Markte tragen. Schöne neue Welt, ganz ohne Aldous Huxley oder George Orwell … denn, das ist noch eine ganz anderen Geschichte …  

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