Handeln anstatt reden: Europa braucht dringend eine eigene Wirtschaftsstrategie!

Über viele Jahrzehnte war der freie Welthandel Grundlage unseres wirtschaftlichen Handelns. Europa und vor allem Deutschland sind damit sehr gut gefahren. Aus Sicht des Maschinenbaus könnte man das vereinfacht so beschrieben: Deutschland und Europa haben produziert, China war die verlängerte Werkbank und die USA haben Dollar gedruckt und eingekauft. China konnte seine Armut besiegen und sich rasant entwickeln. Auch wir (D und EU) haben uns gut weiterentwickelt und mit den Gewinnen einen enormen Sozialstaat aufgebaut. Die USA waren seit dem Zusammenbruch der UdSSR die unangefochtene Supermacht und das reichste Land der Welt.

Doch die Welt hat sich verändert. Was 35 Jahre richtig war, gilt heute nicht mehr. Im Verhältnis zu den USA und China existiert die regelbasierte Weltwirtschaftsordnung nicht mehr. Im Konflikt um die Vorherrschaft verfolgen beide Staaten knallhart wirtschaftlichen Interessen. Aus Sicht der Kontrahenten sind die sonstigen Staaten nützliche oder störende Vasallen oder Kollateralschäden der eigenen Strategie.
Seit Jahrzehnten verfolgt China eine langfristige Strategie zum Aufbau industrieller Stärke, kontrolliert große Teile kritischer Rohstoffketten und nutzt seine wirtschaftliche Macht gezielt zur Durchsetzung seiner nationalen Interessen auf dem Weg zur Supermacht Nummer 1. Die USA unter Trump betreiben aktive Stör- und auch Industriepolitik und wollen sich wirtschaftlich wieder unabhängiger machen, um die Nummer 1 der Welt zu bleiben. Beide Länder schützen ihre Schlüsseltechnologien, sichern sich Rohstoffe und fördern gezielt ihre Unternehmen. Was sie nicht selbst entwickeln können, kaufen sie in Form von Hightechfirmen in Europa. In den letzten 15 Jahren gingen über 300 Firmen über diese internationale Ladentheke.

Um dem zu begegnen, brauchen wir eine europäische Außenpolitik und eine europäische Wirtschaftspolitik

Die großen Unternehmen Europas verkaufen ihr Tafelsilber, machen Kasse oder versuchen betriebswirtschaftlich zu überleben. Die europäische und deutsche Politik schaut weg oder verwundert zu und konzentriert sich auf innere Querelen und die nächsten Wahlen. Zurückgelehnt im weichen Sessel des Sozialstaates und einer völlig überbürokratisierten kleinen Welt schließen wir gefühlt die Augen, in der Hoffnung, dass der Sturm vorübergeht.
Die Firmenverkäufe an die beiden großen Player bleiben weitgehend unkommentiert. Wichtig ist uns der Umgang miteinander und mit der Umwelt. Wir befassen uns mit Tariftreue, Gendergerechtigkeit, Hinweisgeberschutzgesetzen, Sozialverordnungen, Gleichstellungsgesetzen, Sozialleistungen, Verpackungsverordnungen, CO₂-Gesetzen, CSRD-Regeln, Lieferkettengesetzgebung oder dem digitalen Produktpass. Die Bürokratie wächst unaufhaltsam und reibt sich genüsslich die Hände.
Wir feiern die Reduzierung des industriellen CO₂-Ausstoßes und ignorieren, dass wir Industriearbeitsplätze abbauen und energieintensive Firmen aus Deutschland und Europa vertreiben. Doch sowohl in Osteuropa, der Türkei, China oder Indien werden die gleichen Produkte nun mit viel mehr CO₂-Ausstoß produziert – Hauptsache, wir sind clean! Die Erde kann dazu allerhöchstens weinen.
Während wir reden handeln China und die USA. Anstatt langfristiger industriepolitischer Ziele dominieren in Europa und Deutschland Einzelmaßnahmen, kurzfristige Programme oder ideologisch geprägte Entscheidungen.

Deutschland und Europa benötigen eine gemeinsame Wirtschaftsstrategie, die unsere wirtschaftliche Leistungsfähigkeit ebenso schützt wie unsere europäische Sicherheit.

Zu einer solchen Strategie gehören insbesondere:

  • der Schutz von europäischem Know-how in Industrie und Wissenschaft,
  • der Schutz von Schlüsselindustrien und Hightech-Unternehmen vor Übernahmen,
  • die langfristige Sicherung kritischer Rohstoffe und der Aufbau eigener europäischer Wertschöpfungsketten,
  • wettbewerbsfähige Energiepreise, viel weniger Bürokratie und viel schnellere Genehmigungsverfahren.

Der aktuelle Versuch der Politik, obige Aufgaben der betriebswirtschaftlich handelnden Industrie zu übertragen, ist nicht zielführend. Beispiel: CRMA, Critical Raw Materials Act. Hier werden europäische Firmen ermutigt, die Rohstoffsicherung für Europa voranzutreiben. Während die USA und China sich strategisch die Rohstoffe der Welt sichern, rät Europa seinen Firmen: macht mal …
2025 hat Brasilien seine größte Mine für Seltene Erden dem Westen angeboten. Europa hat diskutiert, die USA haben den Deal gemacht. Vor etwa einem Monat wurde die einzige Firma in der westlichen Welt, die PM-Magnete erzeugen kann, kommentarlos aus Deutschland an die USA verkauft. Die US-Regierung hat das nötige Kleingeld beigesteuert.
Nebenbei: PM-Magnete und die entsprechende Technologie brauchen wir für E-Mobilität, Windkraft, Robotik, Elektronik, Elektromotoren, Luft- und Raumfahrt, Drohnen und Militäranwendungen usw.

Um im Spannungsfeld der neuen Machtpolitik der Großen wirtschaftlich zu überleben, brauchen wir dringend eine europäische Außenpolitik und eine kluge Wirtschaftsstrategie!

Deutschland und Europa müssen lernen, strategisch zu handeln. Wirtschaftliche Stärke ist die Grundlage unseres Wohlstands, unseres Sozialstaates, unserer technologischen Leistungsfähigkeit und letztlich auch unserer politischen Handlungsfähigkeit. Eine moderne EU-Wirtschaftsstrategie muss europäische Interessen ebenso konsequent vertreten, wie andere große Wirtschaftsräume dies längst tun. Sie muss Rohstoffe sichern, Schlüsselunternehmen schützen, industrielle Wertschöpfung erhalten und gezielt jene Branchen fördern, die den größten Beitrag zu Beschäftigung, Innovation, Steuer- und Sozialabgaben leisten. Nur so können Deutschland und Europa ihren Wohlstand, ihre industrielle Basis und ihre wirtschaftliche Souveränität für die Zukunft sichern.